Die Tabor-Gemeinde

Angesichts dieser Situation agiert die Gemeinde, zu der heute etwa 1400 Gemeindeglieder gehören, oft in folgendem Zwiespalt: Traditionell gibt es in der Kirche insgesamt wenig Koexistenz-Formen und wenig gelebte Praxis von Toleranz und Unterschiedlichkeit in multireligiösen und multikulturellen Situationen (jeder beansprucht ja die Wahrheit für sich): Lässt sich Religionspädagogik nur noch als christlich geprägte Religionspädagogik verstehen? Ist es nicht geradezu geboten, auch nicht-christliche MitarbeiterInnen anzustellen, die von der Situation der Kinder hinsichtlich Sprache, Herkunft, Kultur und Religion auch etwas verstehen? Wie reagiert man auf die Anfrage, ob auch ein Muslim Taufpate sein kann? Nur „Nein“ sagen oder sich mit der Frage auseinandersetzen? Wie werden bireligiöse Familien sinnvoll begleitet, die wollen, daß ihre Kinder bewußt mit beiden Religionen aufwachsen? Die Durchführung eines Hennafestes in den Gemeinderäumen, nur noch ein Terminproblem?

Und ein anderer Zwiespalt: Wer glaubt tatsächlich all das, was traditionell als christlich oder evangelisch bezeichnet wird. Ein Beispiel: Welcher Christ, welche Christin glaubt alle Sätze aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis?

Die Tabor-Gemeinde formuliert ihr Selbstverständnis so:

„In der Gemeinde kommen unterschiedliche (christliche, andersgläubige, nicht-gläubige, suchende und unsichere) Menschen zusammen - zu ihr gehören unterschiedliche Menschen. Diese Menschen leben mit der Hoffnung: „Du bist nicht alleine“. „Der Tod hat seine Macht über uns - die Mächte/Systeme sind seine Boten“. Aber: „Es gibt Auferstehung“. „Es gibt Veränderung - Veränderbarkeit - Verwandlung - Begleitung - Berufung - Befreiung zum Leben - Widerspruch und Widerstand. Zugleich gibt es Befreiung von jenem manchmal verzweifelten Ich, das es alleine schaffen will.

So versteht sich die Gemeinde von Jesus her als ein Ort, wo alle - generationsübergreifend - mit ihren jeweiligen Begabungen und Fähigkeiten willkommen sind, an dem geteilt, gesungen und gefeiert wird, wo über Gott und die Bibel nachgedacht und diskutiert wird, wo Gemeinschaft erfahren werden kann, wo für Leiden und Ungerechtigkeit sensibilisiert wird und an dem Angstfreiheit und Widerstand gegen Lebensbedrohungen und ein schöpfungsfreundliches Leben eingeübt wird. Es gibt Arbeitsteilung, aber keine Vorrechte voreinander.

Diese Praxis bewährt sich auch daran, dass es keine Berührungsängste gibt, nicht vor Andersdenkenden, vor Anderslebenden und Andersglaubenden, sondern Respekt und Achtung, Akzeptanz, bewegt-bewegendes Miteinander. Zugleich wird dabei Toleranz und Neugier eingeübt, Staunen und die Bereitschaft, von andern zu lernen und Aufmerksamkeit dafür, ob ihre Lebensweise, ihre Grundüberzeugungen und die Weisheit ihrer Religion und die praktische Umsetzung Unterdrückung rechtfertigt oder Mut weckt zu Befreiung und größerer Vielfalt im Leben.“

Neben der Nutzung der Räume sind praktische Zeichen dieses Gemeindeverständnisses ein bereits seit vielen Jahren genutztes eigenes Liederheft mit vielen neuen Liedern und das Ökumenische Glaubensbekenntnis, in dem (anders als im Apostolischen Glaubensbekennntis) auch davon die Rede ist, dass Jesu Leben und seine Botschaft bleibend wichtig sind, nicht nur sein Leidensweg, und dass es lohnende Ziele im menschlichen Leben gibt („... ich glaube an Jesus Christus, geboren als Mensch in Israel von Maria, erwählt mit seinem Leben die Nähe Gottes zu bezeugen, er verkündete den Gefangenen Freiheit, ...; an Gott, der uns geschaffen hat, damit wir Leben erhalten, Frieden entwickeln und Sorge tragen für den Bestand der Erde...an den Heiligen Geist, der ...uns sendet mit dem Ziel, allen Menschen Hoffnung zu bringen ...“.

Freiwillige verantwortliche Mitarbeit:

Oft werden wir gefragt, was man denn eigentlich in Tabor mitmachen kann: Wo kann ich mitarbeiten, wo kann ich mich engagieren? Dazu einige Antworten:

- Sich trauen zu fragen!!!
- Mitmachen in den Gemeindegruppen: Chor, Meditation, Ökogruppe, Seniorenclub,
Gemeindebeirat, Konzertgruppe usw.
- Begleitung des Obdachlosennachtcafes
- Mithilfe bei Festen
- Mitarbeit beim Gemeindebasar
- Gottesdienst und Andacht
- Vorbereitung von Gottesdiensten
- Auftanken
- Artikel für den Taborboten
- Redaktionsteam des Taborboten
- Gespräche
- Chor und Singen neuer Lieder
- Diskussionen über Glaubensfragen
- Feier
-
Sich einbringen mit dem, was man kann und was Spaß macht
-
Musik im Gottesdienst
-
Konzerte
- Kita
- Jugendreisen
- Sich trauen zu fragen !!!

Stefan Matthias, Pfarrer